Tim | 08.01.2026
Warum ich mich auf die neue Harry Potter-Serie freue
Die Ankündigung, dass HBO eine Harry Potter-Serie macht, hat nicht nur für Freudenschreie gesorgt. Um es mal vorsichtig auszudrücken. Ich (Tim) hingegen bin seit jeher der Meinung, dass mehr Inhalte, Fortsetzungen und Reboots voll okay sind – solange sie Qualität liefern und was zu sagen haben. Und in der Hinsicht bin ich, wenn ich mir HBOs Œuvre so anschaue, ganz positiv gestimmt, was eine Neuinterpretation der Geschichte des Jungen, der überlebte angeht.
Daher, komplett subjektiv, hier sieben Gründe – vielleicht sollte ich eher von Hoffnungen und Wünschen sprechen? –, warum ich mich auf die neue Harry Potter-Serie freue! (Ach so: Hier wird wild gespoilert.)
1. Eine kongruente Geschichte und eine Welt, die Sinn ergibt
Der größte Vorteil, den die Serie gegenüber den Filmen hat, ist ziemlich offensichtlich: Das gesamte Buchwissen liegt vor. Und nicht nur das Buchwissen, sondern auch etliche Erklärungen zur Geschichte, den Charakteren und kleinen Details wie Zauberstäben, die J.K. Rowling über die Jahre veröffentlicht hat. Denn sind wir mal ehrlich: Dass die Filme gedreht wurden, bevor alle Bücher draußen waren, merkt man an allen Ecken und Enden.
Mit dem heutigen Wissen ausgestattet kann man viele wichtige Plotpunkte von Anfang an mitdenken. Und bestenfalls so anteasern, dass der Payoff später größer wird. Dazu zählen vor allem Voldemorts Horkruxe, die in den Filmen sehr schnell und nicht gerade gut erklärt wurden. Auch die Heiligtümer des Todes könnten schon früh angedeutet werden, und sei es durch Details wie eine herumliegende Ausgabe der Zauberermärchen Tales of Beedle the Bard. Auch Themen wie Okklumentik lassen sich viel besser umsetzen, wenn man nur früh genug etabliert, dass Harry das Gefühl hat, Snape könne Gedanken gelesen – eben wie in den Büchern.
Der Wissensvorsprung ist auch ein Vorteil beim Worldbuilding, da man die Regeln der magischen Welt viel organischer einweben kann. Ein Beispiel: Es spricht nichts dagegen, sagen wir, in Staffel vier, wenn’s um den Aufrufezauber Accio geht, schon mal zu erwähnen, dass man kein Essen (oder andere Dinge) aus dem Nichts herbeizaubern kann, statt das erst zu erklären, wenn das Trio das in Die Heiligtümer des Todes braucht.
2. Mehr Zeit für Wichtiges! Und Unwichtiges
Der zweite offensichtliche Vorteil einer Serie ist, dass man mehr Zeit für alles hat. In zehn Stunden Harry Potter und der Stein der Weisen passt nun mal mehr Zeugs als in zwei Stunden Harry Potter und der Stein der Weisen. Damit lassen sich etliche Szenen aus den Filmen verbessern, die sich, für mich, unglaublich gehetzt anfühlten. Insbesondere der Showdown in der Heulenden Hütte in Harry Potter und der Gefangene von Askaban, aber auch Voldemorts Wiedergeburt in Harry Potter und der Feuerkelch. Diesen wichtigen Szenen kann man mit mehr Zeit den Impact geben, den sie in den Büchern haben. Das gilt auch für vermeintlich kleine Dinge wie den magischen Spiegel, den Sirius Harry schenkt – was man da alles draus machen kann!
Angekündigt ist, dass jedes Buch eine eigene Staffel bekommt. Das heißt zwar generell, dass man mehr Zeit für alles hat, trotzdem sollten sich die Macher gut überlegen, was sie mit reinnehmen. Denn die 1.000+ Seiten von Harry Potter und der Orden des Phönix sind auch für eine ganze Staffel eine Herausforderung. Ich brauche auch gar nicht zwingend alles aus den Büchern, sondern würde mich auch über die eine oder andere Überraschung freuen. Was nicht heißt, dass ich nicht eine kleine Wunschliste hätte:
- Mindestens eine gesonderte Folge zu den Rumtreibern mit vielen Infos zum Ersten Zaubererkrieg
- Die Szene "Der andere Minister" aus Harry Potter und der Halbblut-Prinz
- Mehr Dobby! Allein, damit mir sein Tod später was bedeutet
- Winky und/oder die Küche in Hogwarts. Vielleicht sogar mit der Hauselfenbefreiungsfront?
- Peeves der Poltergeist
- Die Quidditch Weltmeisterschaft. Inklusive Ludo Bagman
- Mehr Einblicke in den Unterricht, das kam in späteren Filmen zu kurz. Damit kann man auch viel mehr Magie erklären
- Die Hogwarts Portraits und wie sie mit dem Rest der Welt verbunden sind (plus Sir Cadogan!)
- Der Rita Skeeter-Subplot
3. Eine durchgehende Bildsprache für die gesamte Geschichte
Die Filme sind in ihrer Optik ein wildes Durcheinander. Was nur verständlich ist, schließlich haben unterschiedliche Regisseure unterschiedliche Ansätze, nebenbei erzählen sie ganz unterschiedliche Geschichten. Die ersten beiden Filme haben noch einen einheitlichen Look und fühlen sich an wie die Kinderfilme, die sie sein sollen. Danach wurde es mit jedem Streifen einfach nur düsterer. Was durchaus zu den Büchern passt, die ja auch immer erwachsener wurden. Doch mir fehlt der einheitliche Stil, der sich von Anfang bis Ende durchzieht.
Hier darf jeder anderer Meinung sein, aber für mich ist Harry Potter und der Gefangene von Askaban das beste Vorbild. Es war der erste und einzige Harry Potter-Film, der sich optisch komplett eigenständig anfühlt und sich artistisch was getraut hat. Allein die Darstellung der Zaubererwelt war so wunderbar düster und mysteriös, aber für meinen Geschmack nicht zu übertrieben. Einen Look dieser Art für alle Staffeln, inhaltlich aber näher am Buch, das wäre ideal.4. Paapa Essiedu als Professor Snape
Das Casting von Severus Snape wurde ja ziemlich kontrovers diskutiert. Aber gerade dieses Casting ist ein Grund, warum ich mich so auf die Serie freue. Nicht, weil ich Alan Rickman nicht mag – jeder liebt Alan Rickman! Auch nicht, weil ich komplett überzeugt bin, dass Paapa Essiedu den perfekten Snape liefern wird. Sondern einfach nur, weil ich gespannt bin, was sie jetzt draus machen. Und egal ob’s gut oder schlecht wird, Hauptsache sie trauen sich irgendwas. Und da bin ich bei HBO guter Dinge. Zumal ein Risiko für mich der einzige Weg ist, Snape interessant zu machen. Eine Kopie von Rickman wäre zum Scheitern verurteilt und das Einzige, was für mich noch schlimmer wiegen würde, wäre eine austauschbare Interpretaion, an die sich niemand erinnert.
5. Charaktere wie in den Büchern
Hinter diesem Punkt verbirgt sich keine Fortsetzung des "Wir hätten gern alles!"-Abschnitts von weiter oben, sondern ein Plädoyer, sich die vielen tollen Figuren der Bücher nochmal ganz genau anzuschauen. Und sie besser umzusetzen. Denn was das angeht, sind die Filme für mich mehr als einmal ins Fettnäpfchen getreten. Drei Figuren müssen für mich dringend überarbeitet werden:
Albus Dumbledore: Ich hab nichts gegen die Darstellung von Richard Harris oder Michael Gambon. Aber diese zentrale Figur, die gleichermaßen mächtig, intelligent und schrullig (er liebt Kammermusik verdammt!) ist, muss ganz dringend näher an den Büchern sein. Denn da ist Dumbledore eine viel größere Präsenz, obwohl wir kaum etwas über ihn erfahren und ihn seltenst Magie praktizieren sehen. Trotzdem hat er eine enorme Ausstrahlung und ist nebenbei so liebenswert. Das muss die Serie hinbekommen – und bitte nicht nur eine Folge lang, was das Pendant zu den Filmen wäre. Wenn das gelingt, wird’s auch viel spannender, ihn nach seinem Ableben zu verunglimpfen. Da kann man dann wunderbar Rita Kimmkorns Buch Leben und Lügen des Albus Dumbledore einbauen und Harry an allem zweifeln lassen.
Ginny Weasley: Selbsterklärend.
Draco Malfoy: Obacht, nicht falsch verstehen. Tom Felton hat Draco ganz fantastisch gespielt. Was in den Filmen aber fast gänzlich fehlt, ist sein Redemption Arc. Denn ohne ihn und den Switchi-Switch seiner Familie kurz vor dem finalen Kampf mit Voldemort hätte Harry nicht gewonnen. Kleiner Bonus: Stell dir mal vor, wie geil das wäre, wenn Draco seinen Ex-Erzfeind im Epilog nicht mit "Potter", sondern mit "Harry" anspricht!
Wenn sie diese drei hinbekommen, bin ich eigentlich happy. Trotzdem liegt da immer noch viel ungenutztes Potential rum. Und da wir seit sieben Absätzen keine Liste hatten, mach ich hier nochmal eine:
- Neville Longbottom: Mehr Backstory und Raum schaffen für langsame Charakterentwicklung plus die Szene im Krankenhaus
- Viktor Krum und Fleur Delacour dürfen mehr sein als Abziehbildchen
- Cedric Diggory und Cho Chang haben mehr verdient
- Percy Weasley: Da liegt ein komplett ungenutzter Story Arc
- Tonks und Lupin: Wäre schade, wenn mir der Tod dieser beiden nochmal egal wäre
- Gartengnome. Keine Ahnung warum, ich mag das
- Bonus: Ich würde es feiern, wenn die Figuren im richtigen Alter wären. Gerade Snape und Harrys Eltern waren für die Logik der Geschichte viiiel zu alt in den Filmen
6. Voldemorts Ende
Ich fand es immer schade, dass den Filmemachern am Ende Epicness wichtiger war als eine Botschaft. Moment, die Formulierung ist mir zu neutral. Des Spektakels wegen hat man eine der wichtigsten Szenen der Bücher komplett auf links gedreht! Denn in der Vorlage ist es essentiell, dass Lord Voldemort eben nicht mit Rabatz und Tumult und irgendeiner augenblendenden visuellen Idee spektakulär in Millionen Teile zerlegt wird. Sondern … ach, ich zitiere kurz das Buch:
"Tom Riddle schlug mit banaler Endgültigkeit auf dem Boden auf, mit schwachem und zusammengeschrumpftem Körper und leeren weißen Händen, das schlangenartige Gesicht ausdruckslos und unwissend."
Tom Riddle war mächtig, ja. Er ist in vielerlei Hinsicht weiter gegangen als jeder andere Zauberer vor ihm. Und doch hat er ein paar grundlegende Dinge nie verstanden. Und all sein Machthunger und seine Experimente haben ihn eben nicht unsterblich gemacht. Am Ende konnte er das, was er am meisten fürchtete, nicht verhindern. Er starb wie jeder andere auch. Vergleich das bitte mit den Filmen, wo er sich bildschirmschonertauglich langsam auflöst. Das hat mich damals sehr gestört. Hätten die Leute einfach mal mehr Daft Punk gehört: Human after all.
7. Bonus: Der HBO-Faktor
Okay, diesen Teil schreib ich nur, um einen siebten Grund zu haben. Weil sieben ja die magischste aller Zahlen ist. Aber es stimmt schon: HBO hat sich in der Vergangenheit immer wieder getraut, Grenzen zu übertreten. Die Zuschauer zu überraschen, vielleicht auch zu schockieren. Nein, ich wünsche mir für Harry Potter nicht irgendwelche Horrorelemente, aber ein paar mutige Entscheidungen, die ich jetzt noch nicht kommen sehe. So wie das Casting von Professor Snape. Nur müssen sie dann auch inhaltlich abliefern. Ich bin gespannt.