Tim | 06.01.2026
Marvel oder DC? Warum 2026 zum Wendepunkt des Superheldenkinos werden könnte
Was gibt’s Schöneres als althergebrachte wie unnötige Rivalitäten, die sich sowieso nicht aufklären lassen. Star Wars vs. Star Trek. Pokémon vs. Digimon. Sega vs. Nintendo. Moment, Letzteres wurde ja aufgeklärt. Dann eben: Xbox vs. PlayStation. Nicht zu vergessen DER Klassiker unter Comic- und Comicadaptionsfans, um den es heute geht: Marvel vs. DC.
Wenn wir bei den Kinoadaption aus beinahe zwei Jahrzehnten bleiben, lässt sich mit ziemlicher Klarheit sagen, wer als Sieger aus dem Duell hervorging. Marvels MCU war so was wie die berühmte unaufhaltsame Kraft aus der Physiktheorie, nur dass es nirgends ein unbewegliches Objekt gab, auf das sie treffen konnte. Schon gar nicht bei DC, die, wenn überhaupt, nur mit einzelnen Projekten (Joker etwa) Erfolg hatten.
Doch 2026 könnte das Jahr werden, in dem DC das Ruder herumreißt. Langfristig gesehen könnte 2026 sogar DAS definierende Jahr für die kommenden zwei Jahrzehnte der Superheldenfilme werden! Das neue 2008 sozusagen! Doch beenden wir diese künstlich dramatisierte Einleitung und schauen uns an, wie die Chancen für DC stehen – und wie für Marvel. Have fun!
Ein Blick zurück und warum 2008 noch zählt
Blicken wir kurz auf das erwähnte Jahr 2008 zurück. Oder wie ich es nenne: Die Wegscheide der modernen Comicadaption. DC brachte mit Warners größtem Star-Regisseur (damals halt) Christopher Nolan den für viele besten Superheldenfilm aller Zeiten in die Kinos: The Dark Knight überzeugte aber nicht durch abgefahrene Superkräfte oder krasses CGI, sondern mit seinem geerdeten Ansatz. Marvel hingegen setzte alles auf eine Karte beziehungsweise einen über die Maßen talentierten Schauspieler, den man wegen seiner Abhängigkeitsprobleme schon vor Jahren abgeschrieben hatte: Robert Downey Jr.
Wir alle wissen, wie das ausging: Nolan, Warner und DC machten nochmal ordentlich Asche mit The Dark Knight Rises, das war’s dann aber eigentlich. Marvel hingegen transformierte mit seinem Cinematic Universe die gesamte Filmlandschaft, wurde flugs von Disney gekauft und brachte fortan einen Blockbuster nach dem anderen ins Kino. Darunter sage und schreibe elf Filme, die mehr als eine Milliarde einspielten.
"Welche waren das nochmal?"
Gut, dass du fragst! The Avengers. Iron Man 3. Avengers: Age of Ultron. Captain America: Civil War. Black Panther. Avengers: Infinity War. Captain Marvel. Avengers: Endgame. Spider-Man: Far From Home. Spider-Man: No Way Home. Und Deadpool vs. Wolverine. Sollte dir hier eine gewisse Häufigkeit einer bestimmten IP auffallen, die mit A beginnt, ist das kein Zufall. Das wird gleich noch wichtig.
Aufstieg und Fall, oder: der Ist-Zustand
Marvels unfassbarer Erfolg ließ sich mit nichts vergleichen. Kein Wunder, dass DC ein Stück vom Kuchen ab haben wollte und ohne großen Plan sein eigenes Filmuniversum aus dem Boden stampfte. Ein paar Hits konnte man verbuchen, ja. Aber es mangelte an einer einheitlichen Vision. Zumindest bis man nach einer überstürzten Entscheidung als Reaktion auf uralte Tweets die Möglichkeit bekam, einen der wichtigeren Macher des Marvel-Erfolgs für sich zu gewinnen: James Gunn. Der Guardians of the Galaxy-Regisseur übernahm gemeinsam mit Peter Safran die Führung des neuen DC Universe, das mit zusammenhängenden Filmen und Serien endlich einen MCU-Konkurrenten zu erschaffen sucht.
Der Plan könnte aufgehen, denn Marvels Erfolge schwinden seit Jahren. Der lange Weg zu Avengers: Infinity War und Avengers: Endgame hatte enorm viel zu bieten. Es grenzte fast an ein Wunder, dass die Russo-Brüder nach diesem Run auch noch einen fantastischen, runden Abschluss der Infinity-Saga gefunden haben. So rund, dass es für viele Fans der natürliche Endpunkt der Geschichte war.
Doch ein so erfolgreiches Franchise lässt man logischerweise nicht einfach enden. Und genau da begannen die Probleme. Neue Helden fanden nicht die gleiche Beachtung wie die alte Garde, zu viele Projekte führten dazu, dass sich das Schauen neuer Inhalte wie Hausaufgaben anfühlten und die kurz darauf einsetzende Pandemie machte es auch nicht leichter.
2023 hatte Marvel sein schlechtestes Jahr überhaupt, lediglich Guardians of the Galaxy Vol. 3 – der letzte Marvel-Film von James Gunn – konnte die Erwartungen erfüllen. Und ebendieser Gunn schaffte es bei DC mit Superman erst letztes Jahr, neues Interesse an Superheldenfilmen zu wecken. Okay, Superman spielte "nur" etwas über 600 Millionen Dollar ein, was Marvel noch vor ein paar Jahren maximal ein gleichgültiges Schulterzucken wert gewesen wäre. Doch mit der Summe war Superman erfolgreicher als jedes Projekt von Marvel aus dem gleichen Jahr, namentlich The Fantastic Four: First Steps, Thunderbolts* und Captain America: Brave New World.
So will DC gewinnen
Gunn arbeitet mit Hochdruck daran, das Momentum nicht zu verlieren. Der Supergirl-Trailer hat zumindest mich begeistert und fühlte sich … angenehm leicht an. Ein bisschen wie Marvel früher. Und Wonder Woman (wie auch Captain Marvel) hat bereits gezeigt, dass Filme mit weiblicher Hauptrolle gerne mal die Erwartungen übertreffen. Der kommende Film Clayface hingegen vereint das Superhelden- mit dem Horrorgenre und hebt sich damit (hoffentlich) angenehm vom Rest ab. Beide Projekte zahlen logischerweise auf das nächste große Event ein: Superman 2 a.k.a. Man of Tomorrow, für den bereits einer der besten DC-Schurken überhaupt bestätigt wurde, Brainiac.
Ob DC mit diesem Ansatz gewinnt, weiß ich auch nicht. Aber mir gefällt, dass es nicht tausend Projekte gleichzeitig sind (Hausaufgaben) und ich, zumindest bislang, nicht zwingend Peacemaker schauen muss, um alles zu verstehen. Stand jetzt bin ich auch offen, mich auf neue, weniger bekannte Charaktere einzulassen. Da hat DC den Vorteil des bisherigen Misserfolgs, denn so kommen die Figuren ohne Altlasten oder Erwartungen aus. Klar, Supergirl und Clayface sind nicht Batman und Superman. Aber interessant sind sie schon und der nächste Batman-Film ist nur eine Frage der Zeit.
So hält Marvel dagegen
Und was macht Marvel? Nun … es fühlt sich an, als würde man mit Avengers: Doomsday an der Vergangenheit festhalten, statt sich für die Zukunft aufzustellen. Der Pitch: Robert Downey Jr. ist zurück! Chris Hemsworth auch! Sogar Chris Evans ist wieder Captain America! Dazu die X-Men von früher, Loki und die Russos! Und ja, ich geb’s zu: Das klingt geil. Ich will das sehen. Das spielt bestimmt jede Menge Kohle ein. Aber reicht das, um das MCU zu retten? Je länger ich darüber nachdenke, desto unsicherer werde ich.
Endgame war, wie erwähnt, ein wahnsinnig toller Abschluss für so viele Figuren. Was nicht heißt, dass man mit den richtigen Geschichten nicht etwas Besonderes auf die Beine stellen kann, aber bislang sehe ich das nicht. Thor 4 beispielsweise hat mir vor allem gezeigt, dass ich genug von Thor hatte. Ob ich wirklich mehr vom alten Steve Rogers sehen will oder ob das nur sein bisheriges Ende verdirbt, bleibt abzuwarten. Robert Downey Jr. hingegen ist allein deshalb spannend, weil er nicht als Tony Stark zurückkehrt. Aber wie lange wird er dem MCU als Schurke zur Verfügung stehen? Irgendwann wird Doctor Doom doch besiegt, oder?
Als der initiale Hype auf Doomsday abgeklungen war, wirkte Marvels Ansatz auf mich fast schon wie eine Verzweiflungstat. Zumal Doomsday letztlich auch nur ein Wegbereiter für Avengers: Secret Wars sein wird. Doch was passiert dazwischen und danach? Bekommen die X-Men ihre eigenen Filme? Sehen wir neue Solo-Abenteuer von Thor und Captain America? Ich denke nicht. Es wird wohl eher eine teure Wiedersehensparty, die bestimmt viel Spaß macht, nach der man aber auch aufräumen muss.
Wird 2026 das neue 2008?
Am Ende ist es vielleicht egal, wer das Superheldenjahr 2026 gewinnt, Marvel oder DC. Mein Gefühl sagt mir: Das DCU ist auf dem Weg nach oben, wird aber vermutlich nicht in die Sphären früherer Marvel-Blockbuster vordringen. Marvel hingegen greift richtig tief in die Tasche, um mit der Nostalgiekeule nochmal Gewinn zu machen – hat bei Deadpool vs. Wolverine ja auch geklappt.
Aber wie sieht’s langfristig aus? Meine Prognose: Bei Marvel muss fast zwangsläufig ein großer Reboot her, vielleicht schon nach Secret Wars. Ob der aber gelingt, wo doch die bisherigen Versuche, neue Helden und Geschichten zu etablieren, mehr oder weniger gescheitert sind? DC hingegen fühlt sich durchaus an wie Marvel früher. Da ist bestimmt vieles möglich, zumal Zugpferde wie Batman und Wonder Woman erst noch kommen. Aber …
… wird man jemals die gleiche Begeisterung entfachen können wie die Infinity Saga? Oder war das vielleicht ein singuläres Ereignis in der Filmlandschaft? Diese Antwort wird das Jahr 2026 nicht liefern. Aber es könnte das Jahr werden, in dem die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Wie damals 2008. Und ich bin sehr gespannt, wo Marvel und DC in zehn Jahren stehen werden.
TL;DR
2026 wird nicht entscheiden, wer den Superhelden-Krieg gewinnt. Aber es wird zeigen, wer tatsächlich einen Plan hat. Marvel setzt auf Nostalgie — auf vertraute Gesichter und ein großes Event, das uns daran erinnern soll, warum wir uns in das MCU verliebt haben. DC hingegen setzt auf Geduld. Darauf, etwas aufzubauen, das nicht seinen Höhepunkt erreicht, bevor es überhaupt weiß, was es sein will. Eine dieser Strategien blickt zurück. Die andere — zumindest im Moment — nach vorn. Und genau das könnte den entscheidenden Unterschied machen.