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Tim | 30.06.2026

Eine Hand hält ein Smartphone, das auf dem Display das Augmented-Reality-Spiel Pokémon GO zeigt. Ein Bisasam steht scheinbar direkt auf dem Rasen, wobei das Interface die Fang-Optionen Pokéball, Superball und Hyperball anzeigt.

10 Jahre Pokémon GO oder: Wie der Blitz zweimal an der gleichen Stelle einschlug

Eine meiner prägendsten Gaming-Erfahrungen habe ich nicht vor dem Fernseher oder dem PC gemacht, sondern auf dem Schulhof. Ich weiß noch genau, wie sich einige Kids – nicht besonders viele – in einer schattigen Ecke trafen, das viel zu kurze Link-Kabel rauskramten und die Game Boys anknipsten. Und dann wurden die ganze Pause lang, manchmal auch darüber hinaus, die selbst gefangenen Pokémon aus der Roten und Blauen Edition miteinander getauscht oder mit ihnen gekämpft.

Das klingt aus heutiger Sicht nach nicht viel. Aber dass man seine Pokémon-Faszination auf die Art mit anderen teilen konnte, auch noch draußen, war bahnbrechend! Etwas ähnliches, aber noch viel Bahnbrechenderes sollte Pokémon viele Jahre später noch einmal gelingen. Und sich diesmal nicht auf ein paar Kids in der Schule beschränken. Wir wagen einen kleinen Blick zurück auf zehn Jahre Pokémon Go!

Kindheitstraum in der Hosentasche

Für popkulturell Ungebildete muss das damals ein seltsamer Anblick gewesen sein: Da versammelten sich Gruppen von Leuten an den seltsamsten Orten, aber sie sprachen kaum miteinander. Auch hörten sie nicht laut Musik oder hielten mehr oder weniger geistreiche Transparente in die Luft. Nein, eigentlich standen sie einfach da, schauten auf ihr Handy und zogen kurze Zeit später weiter.

Doch für Pokémon-Fans war das die Erfüllung eines Kindheitstraums. Nämlich, dass Pokémon tatsächlich in unserer Welt existierten! Zumindest digital. Denn das war eine der großen Errungenschaften von Pokémon Go: Dass es die digitale Fantasiewelt der Pokémon so geschickt mit der echten Welt verschmolz. Und zwar genau zur richtigen Zeit, als wirklich jeder ein Smartphone mit GPS und halbwegs vernünftiger Kamera in der Hosentasche hatte. Man musste nur die App runterladen, schon begann die Suche nach Pokémon in der eigenen Stadt, im Wald, wo auch immer man war.

Das Konzept basierte auf Ingress, dem ersten Mobilspiel von Entwickler Niantic. Auch das war ein Augmented-Reality-Spiel, wo Gamer in der echten Welt zu bestimmten Orten liefen, um Einfluss auf die virtuelle Welt zu nehmen. Massentauglich wurde das Konzept aber erst durch den Charme der kleinen Taschenmonster. Naja, zumindest als es funktionierte …

Beinahe vom Zug gefallen

Als ich das erste Mal von Pokémon Go hörte, bin ich sofort auf den fahrenden Zug aufgesprungen – und bin direkt wieder runtergepurzelt. In meiner Erinnerung funktionierte anfangs so gar nichts. Was vermutlich an dem Hype und überlasteten Servern lag. Das war mir aber egal, ich ärgerte mich einfach, dass die App ständig abstürzte. Mein Akku nach einer gefühlten Viertelstunde leer war. Und an was für seltsame Orte ich manchmal reisen sollte …

Zum Glück gab ich dem Spiel ein paar Wochen später noch eine Chance, der Hype war ja ungebrochen. Und siehe da: Vieles war gefixt! Und ich war jetzt auch angefixt. Denn die grundlegende Idee war und ist unschlagbar. Damit meine ich nicht nur die Jagd nach den Pokémon, sondern auch zufällige Begegnungen mit anderen Spielern. Oder wie man ständig neue Mittel und Wege fand, sich selbst zu optimieren, etwa durch das geschickte Ausnutzen von Zwischenstopps bei der täglichen Busfahrt. Vor allem aber war Pokémon Go eine Offenbarung für meinen Hund. Der scherte sich zwar nicht um irgendwelche Pokémon, freute sich aber, dass wir plötzlich ganz andere und viel längere Spaziergänge unternahmen.

Pietätlosigkeit und ADAC-Warnungen

Ich erwähnte, dass Pokémon zu Beginn an teils seltsamen Orten auftauchten. In meinem Fall waren das meist irgendwelche Wiesen, wo mich ein Zaun vom nächsten Pokéball-Wurf abhielt. Es gab aber auch ganz andere Fälle, wo Pokémon-Fans scheinbar vergaßen, dass sie in der echten Welt unterwegs waren. Da wurden im Freien sitzende Restaurantbesucher gestört, auf Friedhöfen laut gejubelt und auch vor Gedenkstätten zum Zweiten Weltkrieg nicht halt gemacht. Datenschützer hingegen sorgten sich um aufgezeichnete Bewegungsprofile, während der ADAC Warnungen rausgab, weil sowohl Fußgänger als auch Autofahrer von der Jagd abgelenkt waren.

Einmaliger Hype

Doch bei aller berechtigten Kritik: Pokémon Go war eine fantastische Erfahrung. Und vor allem ein Mega-Erfolg! Bis 2024 wurde die App fast 700 Millionen Mal heruntergeladen. 2023, also sieben Jahre nach dem Start, kam Pokémon Go immer noch auf 55 Millionen aktive monatliche Spieler. Der Umsatz beläuft sich bis heute auf über 7,5 Milliarden Dollar!

Kein Wunder, dass andere was von dem saftigen Kuchen abhaben wollten. Doch so ganz gelang es keinem anderen Spiel, die Faszination oder den Erfolg von Pokémon Go zu wiederholen. An Versuchen mangelte es allerdings nicht. Selbst Niantic startete mehrere Anläufe, etwa mit Harry Potter: Wizards Unite, Pikmin Bloom oder Monster Hunter Now. Doch am Ende war Pokémon Go vermutlich einfach die richtige Idee zur richtigen Zeit. Und natürlich die mit dem passenden Franchise: Schließlich passen Pokémon organisch einfach so gut in unsere Welt. Und jetzt bin ich gespannt, ob es den kleinen Monstern noch einmal gelingt, ein solches neues Multiplayer-Erlebnis zu kreieren. Zuzutrauen wäre es ihnen allemal.