Co-Beitrag | 07.03.2026
Zwischen Final Fantasy und Fan-Frust: Hat Magic: The Gathering sein Gesicht verloren?
Autor: Lloyd-E. Heller / Redaktion: Tim Groß
Das Trading Card Game-Urgestein Magic the Gathering gibt’s mittlerweile seit über 30 Jahren. Eine ziemlich lange Zeit, doch von Alterserscheinungen kann keine Rede sein. Im Gegenteil! 2025 war ein Riesenjahr für Magic! Der Umsatz stieg im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 50 Prozent, vor allem aber war der Platzhirsch der TCG-Riege kulturell so sichtbar wie vielleicht nie zuvor. Und dafür gibt es genau einen Grund: Universes Beyond!
Die Idee klingt eigentlich ganz einfach: Universes Beyond integriert externe Franchises wie Der Herr der Ringe, Fallout oder Warhammer ins Magic: The Gathering-Universum. Die Vorteile liegen auf der Hand, denn damit kommt Abwechslung rein, Sammler werden angesprochen und vor allem lassen sich so neue Spieler rekrutieren, die sich bislang nicht an Magic herangetraut haben. Und objektiv muss man sagen, dass all das super funktioniert … vielleicht ein bisschen zu super. Denn mittlerweile hat man als eingefleischter Magic-Spieler, zu denen ich mich zähle, doch das Gefühl, dass es nur noch Universes Beyond gibt. Übertreibt es Wizards of the Coast? Das gilt es im Folgenden herauszufinden!
Währet den Anfängen
Bevor ich einen Blick in die Zukunft wage, schaue ich mir kurz die Vergangenheit an. Universes Beyond startete als unscheinbares Crossover-Event, als Wizards of the Coast 2020 einen Secret Lair-Drop für The Walking Dead raushaute. Hmm, The Walking Dead und Magic? Passt das überhaupt? Die Community, zumindest der online sichtbare Teil, meinte "Nein!" – aber was heißt das schon? Die Verkaufszahlen sprachen nämlich eine ganz andere Sprache und sorgten dafür, dass weitere Experimente folgten, darunter Stranger Things, Street Fighter und insbesondere Warhammer 40K.
Als Universes Beyond 2021 dann offiziell angekündigt wurde, gab es von Chris Cocks (damals noch Präsident von Wizards of the Coast) noch die klare Aussage, dass die Produkte von Universes Beyond nicht im Standard-Format erlaubt sein würden. Dadurch war es zunächst nur den Eternal-Formaten (wie Modern oder Commander) vorbehalten. Das war eine gute und wichtige Einschränkung, denn so nahm man langjährigen Spielern und Fantasy-Puristen die Sorge, dass die externen Marken das Spielgefühl kaputt machen könnten. So gesehen war Universes Beyond nice to have, kein Muss, ohne allzu großen Einfluss auf das Hauptspielformat. Nur dass das alles nur ein paar Jahre später passé sein würde.
Der Herr der Ringe verändert alles
"Der Herr der Ringe war und ist ein Meilenstein, der die Branche für immer verändert hat." Diesen Satz hat man so oder ähnlich schon etliche Male gelesen, auch bei Elbenwald. Neu ist aber, dass damit nicht nur die Filmbranche gemeint ist, sondern auch die Welt von Magic: The Gathering! Denn als 2023 The Lord of the Rings: Tales of Middle-earth als Crossover-Set erschien, bescherte das Wizards of the Coast einen ungeahnten Erfolg. Zu recht, wie ich finde. Das Set hatte wunderschöne Artworks, interessante Mechaniken und natürlich die Mega-Karte in Form des Einen Rings, den Post Malone irgendwann für 2 Millionen Dollar in seinen Besitz brachte.
Die 200 Millionen Dollar Umsatz, die allein dieses Set innerhalb von sechs Monaten generierte, sorgte für ein Umdenken bei Wizards of the Coast. Mehr Universes Beyond-Sets mussten her! Und selbstverständlich kann man die Karten für seine normalen Decks benutzen, wo sind wir denn hier? Und so folgten weitere Sets, allen voran Final Fantasy, das Der Herr der Ringe umsatztechnisch sogar noch übertraf und zum wohl erfolgreichsten Magic-Set aller Zeiten avancierte! Ich habe meinen Teil dazu beigetragen und schäme mich nicht; Final Fantasy zählt zu meinen absoluten Lieblingssets. Alleine die Artworks, die Karten passen aber auch perfekt zu meiner Spielstrategie. Dabei bin ich nicht mal ein Fan der Videospiele …
Der Strukturwandel
Dieser immense Erfolg wirkt sich aber zunehmend auf das Grundspiel aus. Was als kleines Experiment begann und für Sammler beziehungsweise neue Spieler gedacht war, hat sich zum fiesen Despoten entwickelt, der die gesamte (klassische) Magic-Community unter sich zerdrückt! Ja, okay, das ist vielleicht ein bisschen übertrieben ausgedrückt, aber im Kern stimmt das schon. 2026 erscheinen geplant mehr Universes Beyond-Sets als reguläre! Und so sehr ich mich auf The Hobbit freue, bin ich wirklich unsicher, ob es Marvel Super Heroes, Star Trek und die Teenage Mutant Ninja Turtles braucht. Zumal vergangene Sets wie Spider-Man und insbesondere Assassin’s Creed (ohne Commander Decks!) nicht durch ihre bahnbrechende Qualität, sondern unausgereifte Karten und sogar schlechte Druckqualität von sich Reden machten.
Dieser neue Fokus auf Crossover mit fremden Marken fühlt sich an … naja, wie so ziemlich alles in der modernen Entertainment-Landschaft. Es gibt einfach immer mehr. Noch ein Crossover, noch ein Remake oder Reboot, generell mehr, mehr, mehr Inhalte, die man längst nicht mehr alle mitnehmen kann. Dabei war die Release-Frequenz bei Magic: The Gathering eh schon nicht niedrig, auch ohne Universes Beyond. Fast könnte man meinen, die Macher würden, in meiner Vorstellung manisch lachend und mit Dollarscheinen in den Augen, Spagetti an die Decke werfen, um zu sehen, was kleben bleibt.
Kommt Zeit, kommt Begeisterung
Heißt das jetzt, dass Universes Beyond schlecht ist? Bei aller geäußerten Kritik sage ich deutlich: Nein! Vielleicht liegt’s an meiner Elbenwald-Gewöhnung, weil ich hier eh die ganze Zeit von unterschiedlichen Popkulturthemen umgeben bin. Aber ich liebe die Themenvielfalt! Das Final Fantasy-Set hat mich so was von abgeholt. Und alleine die Tatsache, dass es dank dem Universes Beyond-Set zu Avatar – Der Herr der Elemente endlich geglückt ist, meinen besten Kumpel bei Magic an Bord zu holen, woran ich jahrelang gescheitert bin, ist für mich ein Riesenplus!
Gleichzeitig verstehe ich, dass sich viele Fans fragen, ob diese ganzen neuen Themen überhaupt zu Magic passen. Auch ich finde, dass es sich zunehmend falsch anfühlt, je weiter man sich vom fantastischen Kern entfernt. Allein ästhetisch wirkt es schon komisch, eine Karte zu spielen, die einfach "Hotdog Stand" heißt. Allerdings wären vor fünf, sechs Jahren auch noch Sets wie Mord in Karlov Manor mit Detektivsetting oder Duskmourn mit seinem 80er Jahre Horror undenkbar gewesen. Und heute? Ist alles gut, die Community hat sich dran gewöhnt und das akzeptiert. Genau wie das erste Weltraumset Edge of Eternity, dabei wurde vor dessen Release auch schon das Ende von Magic: The Gathering herbeiprophezeit.
Es könnte so einfach sein
Unterm Strich find ich Universes Beyond super und verstehe gleichzeitig alle Spieler, die darum fürchten, dass Magic seine Identität verliert. Dass man ein bisschen zu sehr an der Gewinnmaximierung arbeitet, gleichzeitig aber jede Menge Leute entlässt, die Druckqualität schwankt und Karten große Wertverluste hinnehmen müssen, weil einfach zu viele produziert wurden. Ein Fall, der sogar die Gerichte beschäftigt, das aber nur am Rande.
Dabei ist die Lösung, wie man den Erfolg von Universes Beyond beibehält, ohne die Spieler, die Magic groß gemacht haben, zu vergrätzen, so naheliegend: Macht weniger Universes Beyond-Sets! Bringt weiter die normalen Magic-Sets in vernünftiger Frequenz, eins pro Quartal. Aber anstelle von vier teils hingerushten Universes Beyond-Sets macht ihr halt eins im Jahr, das dann aber auf dem Level von Final Fantasy und Der Herr der Ringe.
Ja, dann muss man die Themen sorgfältiger auswählen. Aber dadurch wird diese einzigartige Tiefe, dieses Gefühl, in einer Welt zu spielen, am Leben erhalten. Für mich ergibt das langfristig Sinn. Die Umsätze sind dann vielleicht kurzfristig niedriger, aber immer noch höher als ohne Universes Beyond-Sets. Man zieht weiter neue Spieler rein, vergrault aber nicht die bestehende Fanbasis. Wenn das keine Win-Win-Situation ist, weiß ich auch nicht.