Tim | 09.04.2026
15 Jahre Game of Thrones: Wie eine Serie das Fernsehen rettete – und zerstörte?
15 Jahre ist es jetzt her, dass die Pilotfolge zu Game of Thrones ausgestrahlt wurde. Die zweite Pilotfolge, muss man fast sagen. Denn die erste wurde schon 2009 aufgenommen und kam so schlecht an, dass HBO einen kompletten Re-Shoot anordnete und rund 90 Prozent der Folge in den digitalen Mülleimer trat. Damals hat wohl niemand gedacht, dass dieses Fantasydings mit Fokus auf Politik, Intrigen und Sex mal die größte Serie aller Zeiten werden würde. Doch genau das passierte: Game of Thrones schrieb Geschichte, wurde für bahnbrechende 757 Awards nominiert, hält gleich sechs Weltrekorde, darunter …
Halt! Stopp! Dass Game of Thrones ein sagenhafter Erfolg war, weißt du längst. Die Welt braucht nicht noch einen Beitrag, der wiederholt, wie toll die Show vier bis sechseinhalb Staffeln lang war (je nachdem, wen man fragt). Daher geht es in diesem Text eher um Fragen wie diese:
- Wie hat sich die TV-Landschaft seit dem Start von Game of Thrones verändert?
- Kann man das Gemeinschaftsgefühl von Game of Thrones nochmal replizieren?
- Und wird es je wieder ein Projekt mit dieser Strahlkraft und kulturellen Bedeutung™ geben?
Packen wir’s an!
Schauen oder gespoilert werden!
Game of Thrones traf bei so vielen Zielscheiben mitten ins Schwarze. Die bereits erwähnte Mischung aus Politik und Sex, die enormen Produktionsstandards, vor allem aber das richtige Nerd-Thema zur richtigen Zeit. Ja, die harte Welt von Westeros mit ihrer nackten Haut und unvorhersehbaren Todesfällen traf einen Nerv und zementierte das Fantasygenre noch mehr im Mainstream. Man könnte es fast als die Fernsehvariante des kulturellen Impacts eines Der Herr der Ringe bezeichnen. Ich für meinen Teil war wirklich überrascht, dass jeder und seine Mutter Game of Thrones schaute. Wortwörtlich: Nie hätte ich gedacht, mit der Mutter meiner besseren Hälfte über eine Serie zu quatschen, in der es gefühlt keine Folge ohne mindestens mal entblößte Brüste gab.
Mit jeder Staffel wurde der Erfolg nur größer. Spätestens mit der sechsten Staffel, als die Serie die Bücher überholte und niemand wusste, was zur Hölle jetzt passieren würde, wurde es zwingend notwendig, auf dem aktuellen Stand zu sein. Letzte Nacht nicht die neueste Folge geschaut? Dann hatte man am Folgetag ein Problem! Denn Kollegen, Kommilitonen und Freunde diskutierten auf jeden Fall, wer nun wieder elendig verreckt ist. Auch konnte man keine Website mehr öffnen, ohne potentiell gespoilert zu werden. Ja, es war ein bisschen so, als würde jedes Wochenende die Fußballweltmeisterschaft im Fernsehen laufen. Wenn du’s nicht live verfolgst, wachst du am nächsten Tag auf und weißt das Ergebnis. Mit dieser Spannung, und der wöchentliche Pause zwischen Folgen, hielt Game of Thrones die Welt acht Jahre lang in Atem.
Ein Pfeiler des Erfolgs wird zum Problem
Als die erste Folge Game of Thrones ausgestrahlt wurde, war die TV-Landschaft eine gänzlich andere als zu dem Zeitpunkt, als das Serienfinale lief. Kurz ein paar Beispiele, die den Weg geebnet haben. Die Sopranos setzte 1999 völlig neue Standards für moderne Serien und wagte sich an komplexe, erwachsene Themen. 2004 zeigte Lost, welchen Impact eine detailversessene Online-Community haben kann. Und 2008 bereitete Breaking Bad die Bühne für unsympathische Antihelden, mit denen man trotzdem mitfiebert.
Game of Thrones wurde auf all diesen Pfeilern gebaut und fügte eigene hinzu. Die Serie wagte sich an komplexe Themen, richtete sich klar an Erwachsene, etablierte eine riesige Fangemeinde und hatte nicht nur einen coolen Antihelden. Dazu kam das Alleinstellungsmerkmal Fantasy – vielleicht der einzige echte Unterschied zur ebenfalls gelungenen HBO-Serie Rome, die leider floppte.
Vor allem aber erreichte Game of Thrones nochmal ein völlig anderes Produktionsniveau. Im Schnitt kostete jede der 73 Folgen mehr als 8 Millionen Dollar! Bis heute gibt es nur vier Serien, die insgesamt mehr Geld verschlangen: The Rings of Power, Stranger Things, Andor und the Crown. Der Trend zu noch cineastischeren, hochwertigeren Produktionen hält weiter an. Der Game of Thrones-Erfolg hat – nicht ganz im Alleingang – die Studios in einen Rüstungswettlauf getrieben, der Blockbuster-Optik zur Grundvoraussetzung für Serien machte. Deshalb hauen Serien auch nicht mehr 20 Folgen im Jahr raus, sondern nur noch zehn alle zwei oder drei Jahre. Das ist einer von zwei Gründen, der das gemeinsame Erleben erschwert: Wir vergessen Serien schlicht zwischen zwei Staffeln! Der zweite Grund hat einen ganz anderen Ursprung.
Ein Kartenhaus, das nicht einstürzt
2013 haute Netflix die gesamte Staffel seiner ersten Vorzeigeserie House of Cards auf einen Schlag raus – und änderte damit alles. Binge-Watching wurde erst ein globales Phänomen und dann über Nacht eine Art Standard. Was vor allem aus damaliger Sicht total logisch war: Zuvor gab es genügend Fans, die nicht die Zeit für fest verplante Fernsehabende hatten oder schlicht die vorzeitige Absetzung ihrer Serie fürchteten. Doch jetzt mussten sie nicht mehr Jahre warten, bis eine Serie abgedreht war, um dann die DVD zu kaufen. Stattdessen konnten sie, zumindest eine Staffel lang, die Story in Gänze und in ihrem eigenen Tempo genießen, komplett ohne Datenträger. Game Changer!
Game of Thrones war 2016 die vielleicht letzte große Serie, die Woche für Woche Millionen von Menschen auf der ganzen Welt dazu bringen konnte, gemeinsam zu einer bestimmten Zeit vor dem Fernseher zu hocken – Sport- und Politikveranstaltungen ausgenommen. Doch bei allen Vorteilen des Netflix-Ansatzes, für Konsumenten und Produzenten, hat es doch einen gravierenden Nachteil.
Die Gemeinschaft zerbricht
Um den Status der schwer zu definierenden "kulturellen Relevanz" zu erlangen, braucht man so einiges, darunter eine große Fanbasis, einen anhaltenden Diskurs und das erwähnte Gemeinschaftsgefühl. Und für all diese Dinge ist das Netflix-Modell pures Gift. Das sagt sogar Carlton Cuse, der für den Streamer Locke & Key gemacht hat: "Die Möglichkeit, eine Sendung zu schauen und sich dann darüber zu unterhalten, weil alle die Folge am Vorabend gesehen haben – das geht nicht, wenn jeder in seinem eigenen Tempo schaut." Das haben natürlich auch die Streaminganbieter erkannt, die wieder vermehrt auf wöchentliche Releases setzen oder ein Stranger Things-Finale nicht auf einen Schlag, sondern in drei Teilen veröffentlichen.
Erschwert wird das Gemeinschaftserlebnis auch durch die Tatsache, dass Streaminganbieter immer mehr, immer nischigere Inhalte rauskloppen, um für jeden etwas im Angebot zu haben. Der Markt ist so übersättigt, dass ich selbst bei Elbenwald niemanden kenne, der es schafft, alle "relevanten" Serien zu schauen. Ich selbst hab nicht mal den Marvel-Kram geschafft … Klar ist es toll, dass es viele Inhalte gibt. Und egal wie klein das Thema, in irgendeinem Subreddit kann man mit Gleichgesinnten darüber quatschen oder sich Videoanalysen auf YouTube reinziehen. Das ist aber meilenweit von einem Game of Thrones entfernt, wo man sich nicht auf die Suche nach Diskussionen machen, sondern ihnen aus dem Weg gehen musste, um nicht gespoilert zu werden.
Andere Serien im Vergleich
Game of Thrones sitzt natürlich nicht einsam auf dem Serienthron (höhö). Tatsächlich kam Disney schon 2019, im Jahr der finalen Game of Thrones-Staffel, verdammt nah an die kulturelle Relevanz ran. The Mandalorian überzeugte mit klassischer Star Wars-Atmosphäre und der ultimativen Meme- und Merchandise-Maschine Grogu a.k.a. Baby Yoda. Nur konnte Disney die Faszination nicht über so viele Jahre aufrecht erhalten wie Game of Thrones, was man auch einer gewissen Star Wars-Müdigkeit mit zu vielen Serien in zu kurzer Zeit begründen kann. In die gleiche Falle tappte auch WandaVision, wobei das fairerweise nicht als epische, Jahre überdauernde Geschichte angelegt war.
HBO selbst feierte auch Erfolge, allerdings nicht auf dem gleichen Level. Succession etwa wurde zum Hate-Watching-Phänomen, doch es fehlte der globale Impact und der Eskapismus. The Last of Us ist die vielleicht beste Videospieladaption ever, definierte aber nicht exklusiv ein ganzes Genre. The Bear von FX fand mit seinem fast schon stressigen Storytelling einen ganz eigenen Ansatz und etablierte Jeremy Allen White als eine art Jon Snow der 2020er Jahre, hat als familiäres Küchendrama aber einfach weniger Scope. Shogun hingegen ist mit seiner fremden, hochkomplexen Welt voller politischem Tiefgang ein möglicher Erbe für den Thron, doch die langen Pausen zwischen Staffeln (möglicherweise mehr als viere Jahre!) könnten den Hype einfach verhungern lassen.
Mit Ausnahme von The Bear setzten die Macher bei diesen Serien auf einen wöchentlichen Veröffentlichungsrhythmus, ein wichtiger Faktor für das Bilden neuer Communitys. Was aber nicht heißt, dass man mit dem Netflix-Ansatz nicht auch Erfolg haben kann! Squid Game liegt rein in Zahlen gemessen teils vor Game of Thrones. Aber war es genauso relevant? Ich bin zwiegespalten: Squid Game hat die Sprachbarriere komplett durchbrochen, nach gefühlt zwei Wochen wusste jeder auf dem Planeten, was es mit "Rotes Licht, Grünes Licht" auf sich hatte. Andererseits flachte das Interesse nach der Veröffentlichung einer Staffel auch stark ab. Vielleicht ist Squid Game das größere virale Phänomen, Game of Thrones aber die wichtigere kulturelle Institution – falls das Sinn ergibt.
Dieser Argumentation folgend ist Stranger Things vielleicht am ehesten der Game of Thrones-Nachfolger. Durch seine Genremischung und die Steven Spielberg-meets-Stephen King-Atmosphäre fühlt sich Stranger Things eigenständig an und beschäftigte die Welt fast zehn Jahre lang! Wie bei Game of Thrones sind wir mit den Figuren gemeinsam älter geworden und trotz langer Pausen zwischen den Staffeln gab es mehr als genug Stoff für Online-Diskussionen und Theorien. Und mit der ganzen Dungeons & Dragons-Thematik haben wir sogar ein cooles Nerd-Thema im Angebot. Tatsächlich war das Serienfinale sogar so relevant, dass man es mit fucking Silvester aufnehmen konnte!
Das nächste Game of Thrones
Bleibt die Frage: Was ist das nächste Game of Thrones? Mit ziemlicher Sicherheit ist es nicht Game of Thrones. Also ja, House of the Dragon ist ziemlich nice, dito The Hedge Knight. Aber es sind beides Spin-offs. Ich selbst finde auch Better Call Saul besser als Breaking Bad, trotzdem würde ich der Serie nie eine kulturell höhere Relevanz zuschreiben als dem Original. Der kommenden Harry Potter-Serie traue ich Außenseiterchancen zu, weil viele Checkboxes abgehakt werden: lange Laufzeit, mit den Figuren altern, Themen die jeden ansprechen, Fantasy. Gleichzeitig könnten die bestehenden Filme sowie die aufgeladenen Debatten um J.K. Rowling und angebliche Fehlbesetzungen dem Projekt das Leben schwer machen.
Vielleicht ist die Frage, was das nächste Game of Thrones sein könnte, auch grundlegend falsch? Lassen wir Eric Heisserer (Shadow and Bone) zu Wort kommen: "Früher hat man nach dem nächsten Lost gesucht, dann eben Game of Thrones. [Das Thema] ist egal, Hauptsache es ist ein aktueller Entertainment-Meilenstein […] Für mich als Schöpfer sind diese Diskussionen ein Bärendienst, weil man den Erwartungen nicht gerecht werden kann." Die naheliegende Lösung: Man muss sein eigenes Ding machen und hoffen, dass es bei den Leuten ankommt.
Niemand weiß, was das nächste Game of Thrones sein wird. Die anhaltende Zuschauerfragmentierung macht es schwer, die Leute gemeinsam vor das Endgerät ihrer Wahl zu locken. Aber irgendjemand, irgendetwas wird es schaffen. Was genau, das sehen wir, wenn es soweit ist. Und es ist garantiert etwas völlig anderes.